Zukunftsperspektiven für die Region Offenbach am Main Dr. Rainer Behrend Behrend Institut Eichendorffstraße 63 E 60320 Frankfurt am Main Peter Sülzen IHK Offenbach am Main Geschäftsbereich Wirtschaftspolitik 2 Inhalt I. Vorwort ...................................................................................................................................... Seite 1 II. Zusammenfassung der statistischen Auswertung ......................................................... Seite 2 III. Die wirtschaftliche Entwicklung im IHK-Bezirk Offenbach zu Beginn des 21. Jahrhunderts ............................................................................................... Seite 4 1. Das gesamtwirtschaftliche Umfeld seit dem Jahr 2000 ........................................ Seite 4 2. Die wirtschaftliche Entwicklung im IHK-Bezirk Offenbach ................................ Seite 5 IV. Zukunftsperspektiven für den Wirtschaftsstandort Region Offenbach ............ Seite 18 1. Standortvorteile und Standortrisiken ................................................................ Seite 19 2. Worst Case-Szenario: Der IHK-Bezirk Offenbach im Jahr 2030 - wenn nichts getan wird ........................................................................... Seite 21 3. Best Case-Szenario: Der IHK-Bezirk Offenbach im Jahr 2030 – wenn jetzt gehandelt würde ................................................ Seite 24 4. Was getan werden sollte .............................................. Seite 28 V. Datenquellen ........................................................ Seite 36 Vorwort Vorwort Das Rhein-Main-Gebiet ist eine der bedeu- tendsten Wirtschaftsregionen und gemessen an der Einwohnerzahl, je nach Betrachtungsweise, die zweit- oder drittgrößte Metropolregion in Deutschland. Inmitten dieser Region liegend hat der IHK-Bezirk Offenbach einen großen Anteil an deren wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und ist damit ein vitaler Bestandteil dieses Rhein- Main-Gebiets. Doch auch wenn sich die Wirt- schaft in Stadt und Kreis Offenbach noch auf einem im Bundesdurchschnitt hohen Niveau befindet, zeigen sich erste Alarmzeichen. Um das Ergebnis des ersten Teils dieser Studie (Kapitel II und III) vorwegzunehmen: Während der Kreis Offenbach zu den wachs- tumsstärksten Kreisen in Hessen gehörte, hinkt die Stadt Offenbach mehr und mehr der wirtschaftlichen Entwicklung im Rhein-Main- Gebiet, in Hessen und Deutschland hinterher und droht weiter abgehängt zu werden. Angesichts der aus regionaler Perspektive nicht änderbaren Megatrends der wirtschaft- lichen Entwicklung und der spezifischen Chancen und Risiken des Wirtschaftsstandortes Offenbach (Kapitel IV.1) ist die Gefahr groß, dass sich die Situation im Jahr 2030 weiter verschärft hat, wenn nicht schon jetzt aktiv gegengesteuert wird (Kapitel IV.2). Die vielfältigen Maßnahmen, die heute schon zur Vitalisierung ergriffen werden, rei- chen nicht aus, die Wende herbeizuführen. Um den Trend umzukehren sind weitere Maß- nahmen notwendig (Kapitel IV.3). Diese sind umsetzbar. Sie setzen an den Stärken an und führen die positiven Ansätze konsequent weiter. Wichtig ist dabei aber, dass jetzt gehandelt wird. Nur dann gibt es eine reelle Chance, dass der Wirtschaftsstandort Region Offenbach in 2030 weiterhin wettbewerbsfähig ist (Kapitel IV.4). Diese Studie ist in erster Linie ein Appell an alle politisch Handelnden und zwar sowohl in der Stadt wie auch im Kreis Offenbach. Auf- grund der engen Verflechtung zwischen der Stadt, dem Landkreis und den kreisangehören- den Kommunen müssen die Potenziale gemein- sam gehoben werden. Die Studie richtet sich aber auch an jedes Unternehmen und jeden Bürger im IHK-Bezirk Offenbach; denn nur gemeinsam können wir das Ziel erreichen, einen zukunfts- und wett- bewerbsfähigen Standort inmitten der Rhein- Main-Region zu schaffen und zu erhalten. Für den notwendigen gesellschaftlichen Diskurs soll diese Studie eine Diskussions- grundlage sein. Alfred Clouth Eva Dude Präsident Hauptgeschäftsführerin I. 2 Zusammenfassung der statistischen Auswertung Zusammenfassung der statistischen Auswertung Wenn man das „Bruttoinlandsprodukt je Einwohner“ als Wohlstandsindikator verwendet, dann gehört der IHK-Bezirk Offenbach am Main zu den wohlhabenden Regionen in Deutschland. Im Landkreis Offenbach liegt das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner um rund 3.100 Euro und in der Stadt Offenbach um 7.000 Euro über dem Bundesdurchschnitt. Dies ist insbesondere eine Folge der hohen Produktivität der Wirtschaft in der Region. Der Landkreis Offenbach gehörte in den letzten Jahren auch zu den wachstumsstärksten Regi- onen in Hessen. Von 2000 bis 2009 stieg das Bruttoinlandsprodukt im Landkreis um 22,3 Prozent, in Hessen dagegen nur um 17,6 Prozent. Der wesentliche Wachstumstreiber waren dabei die wis- sensintensiven Dienstleistungen, also jene Dienstleistungszweige, in denen der Anteil der Akademi- ker mit natur- und ingenieurwissenschaftlicher Ausrichtung oder der Anteil der Beschäftigten mit Universitäts- oder Fachhochschulexamen überdurchschnittlich hoch ist. Hingegen stagnierte das Bruttoinlandsprodukt in der Stadt Offenbach am Main. Es wuchs in diesem Zeitraum lediglich um 0,6 Prozent. Damit bildet die Stadt das „Wachstumsschlusslicht“ innerhalb Hessens. Zurückzuführen ist diese Wachstumsschwäche im Wesentlichen auf den Rück- gang der Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe. Die Beschäftigungsentwicklung verlief seit dem Jahr 2000 in der gesamten Region Offenbach unbefriedigend. Während in Hessen zum 30.06.2010 die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten wieder leicht oberhalb des Niveaus des Jahres 2000 lag, waren es im IHK-Bezirk Offenbach noch vier Prozent weniger. Beschäftigungszuwächse im Dienstleistungssektor konnten den starken Beschäftigungsrückgang im Verarbeitenden Gewerbe nicht vollständig kompensieren. Wie sich die Beschäftigung im Boomjahr 2011 entwickelt hat, lässt sich mangels verlässlicher Daten noch nicht vorhersagen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Beschäftigungsverluste auch in 2011 nicht ausgeglichen werden konnten. Nach wie vor bilden das Produzierende Gewerbe und der Handel die Beschäftigungsschwer- punkte. Inzwischen ist aber bereits jeder zehnte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im IHK- Bezirk im Bereich der wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen tätig. Anlass zur Sorge gibt die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit in der Stadt Offenbach. Die Arbeits- losenquote bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen betrug im Januar 2012 10,6 Prozent. Das sind 4,7 Prozentpunkte mehr als im Landkreis und im Landesdurchschnitt. Die Stadt weist damit, zusammen mit der Stadt Kassel, die höchste Arbeitslosigkeit in Hessen auf. Die hohe Arbeitslosigkeit ist einer der wesentlichen Gründe dafür, dass nahezu jeder fünfte Einwohner der Stadt Offenbach zwischen 0 und 64 Jahren Leistungen aus SGB II bezieht. Dies wirkt sich unmittelbar auch auf die Kaufkraft in der Stadt aus. Die Kaufkraft je Einwohner liegt im Stadtgebiet inzwischen um fünf Prozentpunkte niedriger als im Bundesdurchschnitt und ist gegen- über dem Jahr 2000 um insgesamt 13 Prozentpunkte gesunken. Hingegen liegt der Kaufkraftindex in sämtlichen Kommunen des Landkreises über dem Bundesdurchschnitt, wobei aber innerhalb des Landkreises ein starkes Wohlstandsgefälle zu verzeichnen ist. Die Höhe des Bruttoinlandsprodukts je Einwohner ist somit kein geeigneter Indikator, um die tatsächliche materielle Wohlfahrtssituation der Bevölkerung abzubilden. Für die Zukunft bestehen unter anderem die Gefahren, dass die Arbeitsmarktentwicklung in der Region weiterhin ungünsti- II. 3 ger als im Bundesdurchschnitt verläuft und soziale Brennpunkte in der Stadt Offenbach sowie in Teilen des Landkreises entstehen oder sich verschärfen. Rasches und entschlossenes Handeln der Wirtschaft und der regionalpolitischen Akteure kann jedoch die zukünftige Entwicklung nachhaltig verbessern. Dazu muss insbesondere... • die Wirtschaftsförderung als wichtige Gesamtaufgabe der Kommune begriffen werden, • das Standortmarketing mit dem Start einer Imagekampagne und der eindeutigen Profilie- rung der Region als „Vertriebsstandort“, „Kreativstandort“ und als „Standort für wissensin- tensive Unternehmen“ intensiviert werden, • die Verkehrsinfrastruktur bedarfsgerecht ausgebaut und Engpässe müssen beseitigt werden, • die Attraktivität und das Image insbesondere der Stadt Offenbach als Wirtschafts- und Wohnstandort erhöht werden, wozu unter anderem ein „Masterplan Stadtentwicklung“ zu erstellen wäre, • die Bildungsanstrengung in der Region weiter intensiviert werden. Dazu wäre beispiels- weise erforderlich der quantitative und qualitative Ausbau der frühkindlichen Bildung sowie Maßnahmen zur leichteren Integration von Ausländern und Personen mit Migrationshin- tergrund, etwa durch die Verbesserung der Beherrschung der deutschen Sprache, die Förde- rung von Lernangeboten im MINT-Bereich und die nachhaltige Erhöhung der Ausbildungs- fähigkeit von Schulabgängern. Überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum, steigende Beschäftigtenzahlen und wachsende Kaufkraft der Bevölkerung, Erhöhung der Lebensqualität in den Städten und Stadtquartieren und eine verbesserte Situation der kommunalen Haushalte: Auch so kann sich die Zukunft in den nächsten zwanzig Jahren gestalten, wenn heute entsprechend gehandelt wird. Handlungsbedarf gibt es dabei für jede Gebietskörperschaft. Zwar werden die einzelnen Kom- munen einen jeweils unterschiedlichen Handlungsbedarf haben, entscheidend ist aber, dass die wesentlichen Aufgaben nur gemeinsam gelöst werden können. 4 Die wirtschaftliche Entwicklung im IHK-Bezirk Offenbach zu Beginn des 21. Jahrhunderts Die wirtschaftliche Entwicklung im IHK-Bezirk Offenbach zu Beginn des 21. Jahrhunderts Das gesamtwirtschaftliche Umfeld seit dem Jahr 2000 Mit dem Ende des 20. Jahrhunderts ging auch eine lang andauernde konjunkturelle Aufschwung- phase zu Ende. Die sogenannte Internet-Blase platzte im Jahr 2000, Aktien verloren innerhalb weni- ger Tage dramatisch an Wert, nicht nur am damaligen „Neuen Markt“. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts führten die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington mit ihren Auswirkungen auf die Weltwirtschaft endgültig zum Abgleiten der deutschen Wirtschaft in eine Rezession. Die Zahl der Arbeitslosen stieg in Deutschland auf über 5 Millionen. Erst im Jahr 2005 kam es wieder zu einer allgemeinen wirtschaftlichen Belebung und im Verlauf des Jahres 2006 zu einer Trendwende auf dem Arbeitsmarkt. Produktion und Beschäftigung stiegen insbesondere in der Exportnation Deutschland kräftig an, getrieben durch die steigende Nachfrage aus Schwellenländern wie China oder Brasilien, die Niedrigzinspolitik der Notenbanken sowie die hohe, zu großen Teilen kreditfinanzierte Konsumnachfrage in den Vereinigten Staaten. Doch diese Wachstumsphase währte nicht lange. Ausgehend von den Fehlentwicklungen auf dem US-amerikanischen Immobilienmarkt und der unzureichenden Risikokontrolle im Bankensektor kam es zu heftigen Turbulenzen auf den Finanz- märkten. Im September 2008 wurde die traditionsreiche Investmentbank Lehman Brothers zahlungs- unfähig. Weltweit mussten zahlreiche Finanzinstitute durch staatliche Maßnahmen gestützt werden, um einen Zusammenbruch des Finanzsystems zu vermeiden. Mit dieser tiefgreifenden Veränderung wurde auch die nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik wieder hoffähig. Innerhalb kürzester Zeit legten zahlreiche Länder dieser Welt Konjunkturprogramme auf. In Deutschland stehen die „Abwrackprämie“ sowie die Konjunkturprogramme I und II als Syno- nyme für diese Entwicklung. Diese Maßnahmen trugen zwar mit dazu bei, dass die Arbeitslosenzahl weniger stark anstieg als befürchtet, gleichzeitig führten sie aber auch zu Fehlallokationen, Wettbe- werbsverzerrungen und einem drastischen Anstieg der Staatsverschuldung. Das Euro-Mitgliedsland Griechenland steht inzwischen vor dem Staatsbankrott und auch die Zahlungsfähigkeit anderer wachstumsschwacher, hoch verschuldeter Euroländer wie Italien, Portugal, Spanien, Irland gilt inzwischen als nicht mehr sicher. Im Jahr 2012 befindet sich die Weltwirtschaft vor der größten Herausforderung seit dem Zwei- ten Weltkrieg. III. 1. 5 Die wirtschaftliche Entwicklung im IHK-Bezirk Offenbach Überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum im Landkreis Offenbach Trotz der gesamtwirtschaftlichen Turbulenzen stieg in Deutschland seit dem Jahr 2000 das Brut- toinlandsprodukt real, also preisbereinigt, um 9,7 Prozent (Abbildung 1). Berücksichtigt man die jeweiligen Marktpreise, so wuchs das nominale Bruttoinlandsprodukt im gleichen Zeitraum sogar um 21,1 Prozent. Hessen und die Region Frankfurt/Rhein-Main entwickelten sich im Gleichschritt. Hier lag das nominale Wirtschaftswachstum zwischen den Jahren 2000 und 2010 bei knapp 23 Prozent und damit leicht über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Die amtlichen Daten für die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes im Jahr 2010 auf Ebene der kreisfreien Städte und Landkreise stehen zur Zeit der Drucklegung noch nicht zur Verfügung. Somit müssen wir uns hier mit Vergleichszahlen für den Zeitraum 2000 bis 2009 begnügen. In diesem Zeitraum stieg im Landkreis Offenbach das nominale Bruttoinlandsprodukt um über fünf Prozent- punkte stärker als im hessischen Durchschnitt. Damit zählte der Landkreis zu den wachstumsstärks- ten in Hessen. 2. Abbildung 1 Quelle: Statistisches Bundesamt 110 108 106 104 102 100 98 96 94 92 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 Entwicklung des realen Bruttoinlandsproduktes in Deutschland 2005 = 100 Die wirtschaftliche Entwicklung im IHK-Bezirk Offenbach zu Beginn des 21. Jahrhunderts6 Realwirtschaftlicher Schrumpfungsprozess in der Stadt Offenbach Ganz anders sieht die Entwicklung für die Stadt Offenbach aus. Das nominale Bruttoinlandspro- dukt stagnierte im Zeitraum 2000 bis 2009 (+ 0,6 Prozent) (Abbildung 2). Berücksichtigt man die Preissteigerungsrate in diesem Zeitraum, dann lässt sich feststellen: Die Realwirtschaft ist in der Stadt Offenbach zu Beginn des 21. Jahrhunderts geschrumpft. Abbildung 2 Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Behrend Institut Abbildung 3 Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt 130 125 120 115 110 105 100 95 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 Nominales Bruttoinlandsprodukt 2000 - 2009 2000 = 100 Deutschland Hessen LK Offenbach Stadt Offenbach 40.000 35.000 30.000 25.000 20.000 15.000 10.000 5.000 0 Deutschland Hessen Stadt Offenbach LK Offenbach Bruttoinlandsprodukt je Einwohner in Euro 2000 2009 Unter Berücksichtigung der Bevölkerungsentwicklung ging in der Stadt Offenbach seit dem Jahr 2000 entsprechend auch das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner zurück und zwar um 425 Euro. Noch aber liegt es mit derzeit 36.270 Euro um 6.992 Euro über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Dem gegenüber war im Landkreis Offenbach in den letzten Jahren ein deutlicher Anstieg des Bruttoin- landsproduktes je Einwohner zu verzeichnen. Die enorme Differenz zwischen der Stadt und dem Kreis Offenbach im Jahr 2000 ist bis zum Jahr 2009 deutlich kleiner geworden (Abbildung 3). Hohe Produktivität im IHK-Bezirk Offenbach Die Produktivität je Erwerbstätigen liegt im IHK-Bezirk ebenfalls deutlich über dem bundesdeut- schen Vergleichsniveau (Abbildung 4). Während aber seit dem Jahr 2000 im Landkreis starke Pro- duktivitätszuwächse zu verzeichnen waren und die Produktivität dort im Jahr 2009 auch deutlich über dem Landesdurchschnitt lag, stieg das nominale Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen im Stadtgebiet nur noch geringfügig. Da zugleich die Produktivität in Hessen stärker stieg, erreichte die Stadt Offenbach im Jahr 2009 nicht mehr den Landesdurchschnitt. Abbildung 4 Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt 7 Deutschland Hessen Stadt Offenbach LK Offenbach 80.000 70.000 60.000 50.000 40.000 30.000 20.000 10.000 0 Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen in Euro 2000 2009 Diese Zahlen machen deutlich, dass sich auf der einen Seite der Landkreis Offenbach in den letzten Jahren sehr dynamisch entwickelt hat, während auf der anderen Seite die Stadt Offenbach sowohl im Vergleich mit dem Landkreis, als auch im Landesdurchschnitt deutlich hinter der Ent- wicklung zurückblieb. Bedeutung des Produzierenden Gewerbes nimmt weiter ab Die oben deutlich gewordene Wachstumsschwäche in der Stadt Offenbach ist hauptsächlich auf den Rückgang der Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe zurückzuführen. Diese sank im Zeitraum 2000 bis 2009 um 39 Prozent (Abbildung 5). Während ebenfalls im Landkreis und im Landesdurchschnitt die Bruttowertschöpfung im Verarbei- tenden Gewerbe sank, jedoch nicht so stark wie im Stadtgebiet, ist auch die negative Entwicklung in den Bereichen Handel, Verkehr und Gastgewerbe in Offenbach bemerkenswert. Diese Bereiche konn- ten im Landkreis wie auch im Landesdurchschnitt im gleichen Zeitraum deutlich zulegen. Ebenfalls auffällig ist das sehr starke Wachstum im Baugewerbe. Im Landkreis waren speziell die unternehmensbezogenen Dienstleister Wachstumstreiber. Die Bruttowertschöpfung im Sektor „Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleistungen“ stieg im Zeitraum 2000 bis 2009 um über 30 Prozent. Abbildung 5 Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Behrend Institut Die wirtschaftliche Entwicklung im IHK-Bezirk Offenbach zu Beginn des 21. Jahrhunderts8 50 40 30 20 10 0 -10 -20 -30 -40 -50 Veränderung der Bruttowertschöpfung nach Wirtschaftszweigen 2000 - 2009 in Prozent Hessen LK Offenbach Stadt Offenbach Öffentliche & private Dienstleister Finanzierung, Vermietung, Unzternehmensdienstl. Baugewerbe Produzierendes Gewerbe ohne Baugewerbe Handel, Gewerbe & Verkehr 9 Kein Ende der Internationalisierung Neben der weiterhin anhaltenden Ausgliederung von nicht zu den Kernkompetenzen gehörenden Unternehmensteilen in den Bereich der unternehmensbezogenen Dienstleistungen (Outsourcing) ist ein weiterer, wesentlicher Grund für den Bedeutungsrückgang des Produzierenden Gewerbes die gleichfalls anhaltende Verlagerung von Produktionskapazitäten ins Ausland, insbesondere nach Osteuropa. Dieser seit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ enorm beschleunigte Trend ist auch im IHK-Bezirk Offenbach zu beobachten. Da aber hier die Unternehmensstruktur in der Industrie wesentlich stärker von eigentümergeführten kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägt ist, verlief diese Entwicklung weniger stark als in anderen Industrieregionen. Dennoch nahm auch im IHK-Bezirk Offenbach die Zahl der Industrieunternehmen stetig ab. Da es aber vor allem kleinere Unternehmen waren, die ihre Geschäftstätigkeit einstellten, welche zuvor überwiegend für den Heimatmarkt produzierten, stieg in den letzten Jahren die Exportquote in der Industrie insbesondere in der Stadt Offenbach stark an. Inzwischen werden in der Stadt Offenbach 70 Prozent des Gesamtumsatzes im Verarbeitenden Gewerbe im Ausland erzielt (Abbildung 6). Im Jahr 2000 waren es noch 43 Prozent. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die heimische Wirtschaft in immer stärker werdendem Maß von den Auslandsmärkten abhängig ist. Abbildung 6 Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Behrend Institut 100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 Deutschland Hessen Stadt Offenbach LK Offenbach Inlands- und Auslandsumsätze im Verarbeitenden Gewerbe 2009 in Prozent Inlandsumsatz Auslandsumsatz Die wirtschaftliche Entwicklung im IHK-Bezirk Offenbach zu Beginn des 21. Jahrhunderts10 Verschiebung der Branchenschwerpunkte Für den gesamten IHK-Bezirk Offenbach kann konstatiert werden, dass in den letzten Jahren der Anteil der Dienstleistungsunternehmen an der Bruttowertschöpfung weiter zugenommen hat (Abbildung 7). Hingegen ist die Bedeutung des Produzierenden Gewerbes, wie oben beschrieben, kontinuierlich gesunken. So ist inzwischen der Anteil von Handel, Verkehr und Gastronomie an der Bruttowertschöpfung im IHK-Bezirk höher als der des Produzierenden Gewerbes. Dies gilt für das Stadtgebiet wie für den Landkreis gleichermaßen. Allerdings zeigen sich deutliche strukturelle Unterschiede innerhalb des IHK-Bezirks. Beispiels- weise ist die Bedeutung des Großhandels und der Verkehrswirtschaft im Landkreis deutlich höher als in der Stadt. Auf der anderen Seite ist der Anteil der öffentlichen und privaten Dienstleister an der Bruttowertschöpfung im Stadtgebiet fast doppelt so hoch wie im Landkreis. Abbildung 7 Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Behrend Institut 0,2 % | Land- & Forstwirtschaft 15,3 % | Produzierendes Gewerbe ohne Baugewerbe 3,8 % | Baugewerbe 24,5 % | Handel, Gastgewerbe & Verkehr 40,7 % | Finanzierung, Vermietung & Unternehmensdienstleistungen 15,5 % | Öffentliche & private Dienstleister Anteil an der Bruttowertschöpfung im IHK-Bezirk Offenbach 2009 11 Unterdurchschnittliche Beschäftigungsentwicklung im IHK-Bezirk Offenbach Aufgrund der insgesamt schlechten Wachstumsentwicklung verlief auch die Arbeitsmarktent- wicklung in der Stadt Offenbach ungünstig (Abbildung 8). Der Beschäftigungseinbruch in den Jah- ren 2001 bis 2005 fiel sehr viel stärker als im Bundesdurchschnitt aus und zugleich machte sich die Belebung auf dem Arbeitsmarkt in den Jahren 2007 und 2008 kaum bemerkbar. Die Arbeitslosen- quote bezogen auf alle abhängigen Erwerbspersonen stieg im Jahresdurchschnitt 2001 bis 2010 um 2,9 Prozentpunkte und liegt im Januar 2012 bei 10,6 Prozent, gemeinsam mit der Stadt Kassel die höchste Quote in Hessen. Doch auch im Landkreis Offenbach war trotz des überdurchschnittlichen Wirtschaftswachstums die Beschäftigungsentwicklung vergleichsweise unbefriedigend. Während in Hessen die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten wieder über dem Niveau des Jahres 2000 liegt (Abbildung 9), ist man im Landkreis Offenbach hiervon noch ein gutes Stück entfernt. Die Arbeitslosenquote bezogen auf alle abhängigen Erwerbspersonen liegt mit 5,9 Prozent im Januar 2012 lediglich auf dem hessischen Durchschnittsniveau. Abbildung 8 Quelle: Bundesagentur für Arbeit 16 14 12 10 8 6 4 2 0 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 Arbeitslosenquoten 2001 - 2010 bezogen auf alle abhängigen Erwerbspersonen Deutschland Hessen Stadt Offenbach LK Offenbach Abbildung 9 Quelle: Bundesagentur für Arbeit 104 102 100 98 96 94 92 90 88 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort 2000 - 2010 Stichtag 30.06. | 2000 = 100 Prozent Deutschland Hessen Stadt Offenbach LK Offenbach Stellenzuwächse im Dienstleistungssektor konnten Arbeitsplatzabbau der Industrie nicht kompensieren Die insgesamt unbefriedigende Beschäftigungsentwicklung im IHK-Bezirk Offenbach ist vor allem auf den starken Beschäftigungsabbau im Verarbeitenden Gewerbe in den letzten Jahren zurückzufüh- ren (Abbildung 10). Auch der Handel und hier speziell der Großhandel baute massiv Stellen ab. Auf der anderen Seite entstanden zwar bei den Dienstleistungsunternehmen neue Arbeitsplätze, diese reichten aber nicht aus, um den Beschäftigungsabbau in Industrie und Großhandel in der Region zu kompensieren. Der Arbeitsplatzabbau traf in den letzten Jahren damit vor allem jene Sektoren, die im IHK-Bezirk Offenbach einen besonders hohen Beschäftigtenanteil ausmachen. Auch heute noch ist jeder vierte sozialversicherungspflichtig beschäftigte Arbeitnehmer im IHK-Bezirk Offenbach im Produzierenden Gewerbe und jeder fünfte im Handel tätig. Besonders an Bedeutung gewonnen haben dagegen die wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen, bei denen der Anteil an Akademikern mit natur- und ingenieurwissenschaftli- cher Ausrichtung oder der Anteil der Beschäftigten mit Universitäts- oder Fachhochschulexamen überdurchschnittlich hoch ist. Hier ist inzwischen nahezu jeder zehnte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte tätig. Und auch der Anteil der sonstigen unternehmensbezogenen Dienstleister an der Gesamtbeschäftigung ist mit über acht Prozent überdurchschnittlich. Hingegen sind die Beschäf- tigungsanteile in der öffentlichen Verwaltung und in der Gesundheitswirtschaft im Vergleich zum Regierungsbezirk Darmstadt unterdurchschnittlich (Abbildung 11). Die wirtschaftliche Entwicklung im IHK-Bezirk Offenbach zu Beginn des 21. Jahrhunderts12 Abbildung 10 Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Behrend Institut Beschäftigungsentwicklung 2003 - 2009 nach Wirtschaftszweigen im IHK-Bezirk Offenbach Produz. Gewerbe Handel Gastgewerbe Sonstige Dienstleistungen -7500 -2744 762 4290 Von der Beschäftigungsentwicklung ist die Entwicklung der Erwerbstätigkeit zu unterscheiden, da letztere die Zahl der Selbstständigen berücksichtigt. Während, wie oben dargestellt, die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zurückgegangen ist, wuchs die Zahl der Selbstständigen im IHK-Bezirk Offenbach deutlich an. Dadurch stieg insgesamt auch die Zahl der Erwerbstätigen im IHK-Bezirk Offenbach und zwar um 2.000 Personen im Zeitraum 2000 bis 2009. Einem Zuwachs von 3.300 Erwerbstätigen im Landkreis Offenbach stand dabei ein Rückgang von 1.300 Erwerbstätigen in der Stadt Offenbach gegenüber. Beschäftigungsentwicklung 2003 - 2009 nach Wirtschaftszweigen im IHK-Bezirk Offenbach Produzierendes Gewerbe Handel Gastgewerbe Sonstige Dienstleistungen -7500 -2744 762 4290 13 Beschäftigtenanteile 2009 in Prozent Produzierendes Gewerbe Handel Verkehr & Lagerei Gastgewerbe Information & Kommunikation Finanzen & Versicherungen Wissenschaftliche & technische Dienstleistungen Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen Öffentliche Verwaltung, Erziehung Gesundheit Sonstiges IHK-Bezirk Offenbach Regierungsbezirk Darmstadt 25,81 19,75 7 3,17 3,62 4,45 9,24 8,13 7,69 7,73 3,41 23,69 15,03 7,22 3,1 4,41 6,91 7,85 6,75 10,04 9,82 4,91 Abbildung 11 Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Behrend Institut Stark gesunkene Kaufkraft in der Stadt Offenbach Im Jahr 2000 lag die Kaufkraft je Einwohner in der Stadt Offenbach am Main noch acht Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Die schlechte wirtschaftliche Entwicklung, die sinkende Beschäftigung sowie vor allem der Zuzug von Menschen mit deutlich unterdurchschnittlichem Einkommen haben dazu geführt, dass die Kaufkraft stark gesunken ist. Inzwischen liegt die Kaufkraftkennziffer je Ein- wohner nur noch bei 95 Prozentpunkten (Bundesdurchschnitt = 100) (Abbildung 12). Die Städte und Gemeinden im Landkreis Offenbach liegen dagegen alle über dem bundesdeut- schen Durchschnitt, Heusenstamm, Dreieich, Rödermark und Neu-Isenburg sogar sehr weit darüber. Den prozentual größten Kaufkraftzuwachs verzeichnet allerdings die Gemeinde Mainhausen (Abbil- dung 13). Hier stieg die Kaufkraft zwischen 2000 und 2010 um neun Prozent. In der Stadt Offenbach nahm sie im gleichen Zeitraum um 13 Prozent ab. Abbildung 12 Quelle: Gesellschaft für Konsumforschung, Behrend Institut In der Stadt Offenbach bezieht jeder Fünfte unter 65 Jahren Leistungen aus SGB II Ein Grund für die enorme Abnahme der Kaufkraft in der Stadt Offenbach ist die zunehmende Zahl der Leistungsempfänger nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch (SGB II). Im Stadtgebiet bezieht knapp jeder fünfte Einwohner im Alter zwischen 0 und 64 Jahren Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitssuchende (19,1 Prozent). In einzelnen innerstädtischen Bezirken ist es sogar jeder vierte Bewohner, der Leistungen aus SGB II erhält. Dagegen sind es im Stadtteil Rumpenheim nur knapp fünf Prozent (Stand 2009)1. Die starken Unterschiede zwischen den Stadtteilen in der Zahl der Leis- tungsempfänger lassen gewisse soziale Brennpunkte erkennen. Im Landkreis beträgt der Anteil der Bezieher von Leistungen aus SGB II an der Wohnbevölkerung zwischen 0 und 64 Jahren 8,6 Prozent, was in etwa dem hessischen Durchschnitt entspricht, der bei 8,7 Prozent liegt. 1 Vgl. Sozialbericht der Stadt Offenbach am Main 2009 Die wirtschaftliche Entwicklung im IHK-Bezirk Offenbach zu Beginn des 21. Jahrhunderts14 Kaufkraftindex je Einwohner im IHK-Bezirk Offenbach 2010 140 120 100 80 60 40 20 0 O ff en ba ch Di et ze nb ac h H ai nb ur g M ai nh au se n Se lig en st ad t La ng en M üh lh ei m O be rt sh au se n Ro dg au Eg el sb ac h N eu -I se nb ur g H eu se ns ta m m Dr ei ei ch Rö de rm ar k De ut sc hl an d 15 Den Bürgern der Stadt Offenabch fehlt es an Kaufkraft. Seit 2000 ist die Kaufkraftkennziffer stark gesunken. St ad t O ff en ba ch N eu -I se nb ur g O be rt sh au se n 12 10 8 6 4 2 0 -2 -4 -6 -8 -10 -12 Kaufkraftveränderungen 2000 - 2010 im Vergleich zum Bundesdurchschnitt in Prozent Di et ze nb ac h H ai nb ur g M ai nh au se n Se lig en st ad t La ng en M üh lh ei m Ro dg au Eg el sb ac h H eu se ns ta m m Dr ei ei ch Rö de rm ar k Abbildung 13 Quelle: Gesellschaft für Konsumforschung, Behrend Institut Fo to : G G -R aw | F ot ol ia Handlungsspielräume der öffentlichen Haushalte werden zunehmend eingeschränkt Mit der steigenden Zahl von Leistungsempfängern steigen für die betroffenen Kommunen die Ausgaben. So werden für SGB II–Empfänger die Leistungen für Unterkunft und Heizung, die Betreu- ungsleistungen für Kinder und Pflegebedürftige oder die Leistungen für nicht von der Regelleistung umfasste einmalige Bedarfe direkt aus den kommunalen Haushalten finanziert. Auf der anderen Seite machen sich die Folgen von Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftsentwicklung auch auf der Einnah- menseite der kommunalen Haushalte bemerkbar2. Die nachgelassene wirtschaftliche Leistungskraft reduziert die Möglichkeiten Einnahmen über Steuern zu erzielen. Statistisch gemessen werden diese Möglichkeiten durch die sogenannte Steuereinnahmekraft. In der Stadt Offenbach liegt die Steuereinnahmekraft je Einwohner inzwischen unter dem hessischen Durchschnittsniveau (Abbildung 14). Doch auch in Dietzenbach, Egelsbach, Hainburg und Mühlheim ist die Steuereinnahmekraft sehr niedrig (Abbildung 15). Dagegen liegt Neu-Isenburg mit 1.858 € je Einwohner mehr als 1.000 € über der Steuereinnahmekraft Offenbachs. Abbildung 14 Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt 2 Details zu den Auswirkungen auf die kommu- nalen Haushalte siehe: IHK Offenbach am Main (Hrsg.): Gemeindefinanzen im IHK-Bezirk Offen- bach am Main, November 2010 Die wirtschaftliche Entwicklung im IHK-Bezirk Offenbach zu Beginn des 21. Jahrhunderts16 1400 1200 1000 800 600 400 200 0 1990 1995 2000 2005 2006 2007 2008 2009 Steuereinnahmekraft je Einwohner 1990 - 2009 in Euro Hessen Stadt Offenbach Abbildung 15 Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt Steuereinnahmekraft je Einwohner 2009 in Euro 1800 1600 1400 1200 1000 800 600 400 200 0 Se lig en st ad t H es se n Di et ze nb ac h H ai nb ur g M ai nh au se n O ff en ba ch La ng en M üh lh ei m O be rt sh au se n Ro dg au Eg el sb ac h N eu -I se nb ur g H eu se ns ta m m Dr ei ei ch Rö de rm ar k Steuereinnahmekraft je Einwohner 2009 in Euro 1800 1600 1400 1200 1000 800 600 400 200 0 Se lig en st ad t H es se n Di et ze nb ac h H ai nb ur g M ai nh au se n O ff en ba ch La ng en M üh lh ei m O be rt sh au se n Ro dg au Eg el sb ac h N eu -I se nb ur g H eu se ns ta m m Dr ei ei ch Rö de rm ar k Tiefgreifender Strukturwandel in der Stadt Offenbach Der Rückblick auf die Jahre 2000 bis 2010 zeigt, dass die wirtschaftliche Entwicklung in der Stadt Offenbach weit hinter der durchschnittlichen Entwicklung in Hessen zurückblieb. Die Zahlen machen deutlich, dass sich in der ehemaligen Industriestadt Offenbach ein tiefgreifender regionaler Strukturwandel vollzieht, wie er auch schon in anderen Industriestädten und -regionen beobachtet werden konnte. Die Wirtschaftsentwicklung im Landkreis Offenbach verlief dagegen positiv, zumindest entspre- chend dem Landesdurchschnitt. 17 Offenbach im Wandel: Produziert wird weniger. Dafür wächst der Dienstleistungs- sektor stetig. Foto: Fotolia Fo tos : IH K O ffe nbac h am Main Zukunftsperspektiven für den Wirtschaftsstandort Region Offenbach18 Zukunftsperspektiven für den Wirtschafts- standort Region Offenbach IV. Welche Zukunftsperspektiven hat der Wirtschaftsstandort Region Offenbach? Werden sich die offenbarten Negativtrends der letzten zehn Jahre fortsetzen oder sind heute bereits Entwick- lungen erkennbar, die diesen Trends entgegenwirken? Wie wird sich der IHK-Bezirk Offenbach im hessischen und bundesdeutschen Vergleich entwickeln? Die Zukunft des IHK-Bezirks Offenbach wird natürlich nicht allein von den lokalen Akteuren bestimmt. Vielmehr spielen auch globale und nationale Megatrends der wirtschaftlichen Entwicklung eine entscheidende Rolle. Sie bilden die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich die Region entwi- ckeln kann. Die aktuelle, nicht nur auf den Euro-Raum, sondern letztlich auf die gesamte Weltwirtschaft bezogene Schuldenkrise beispielsweise ist kein kurzfristig konjunkturelles, sondern ein langfristig strukturelles Problem. Um diese Krise zu überwinden und die wirtschaftliche Handlungsfreiheit wie- derzuerlangen, ist zwangsläufig eine restriktive Politik der öffentlichen Haushalte notwendig. Diese wird jedoch gleichzeitig das Wirtschaftswachstum bremsen. Zugleich werden sich in der Wirtschaft die Trends der Globalisierung und Internationalisierung weiter fortsetzen, vor allem zur Erschließung der zukunftsträchtigen Absatzmärkte. Auch die Tendenz zur Ausgliederung (Outsourcing) wird weiter anhalten. Gleichzeitig mit der Veränderung der Wirt- schaftsstruktur verändert sich auch die Arbeitsorganisation. Die zunehmende Bedeutung von Wissen erfordert künftig verstärkte Kooperationen im Rahmen projektorientierter Arbeiten3. Während weltweit die Bevölkerung wächst, wird in Deutschland die Bevölkerung deutlich zurück- gehen. Damit einhergehend nimmt die Alterung der Gesellschaft zu. Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der Personen, die 65 Jahre und älter sind, in Deutschland um 5,5 Millionen auf 22,3 Millionen zunehmen. Das weltweite Bevölkerungs- und das Wirtschaftswachstum werden zur Verknappung der natürlichen Ressourcen und zu Preissteigerungen bei Rohstoffen und Energie führen. Alle diese Megatrends werden natürlich auch die Unternehmen im IHK-Bezirk Offenbach vor große Herausforderungen stellen. Ihnen werden sich die Unternehmen unweigerlich stellen müssen. Sie sind jedoch von den lokalen Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht beeinflussbar. 3 Dazu siehe auch: IHK Offenbach am Main (Hrsg.): Perspektiven 2009 – 2014 / Den Her- ausforderungen der Zukunft stellen, o.J., S. 16. 19 Standortvorteile und Standortrisiken Beeinflussbar sind dagegen die Standortvorteile und Standortrisiken. Aus heutiger Sicht bil- den sie den Ausgangspunkt für mögliche Entwicklungspfade. Sie setzen aber keine limitieren- den Rahmenbedingungen, da sie veränderbar sind. Stärken können gestärkt, Risiken können beseitigt werden. Aus heutiger Sicht stellen sich die wesentlichen Vorteile und Risiken für den Wirtschaftsstandort Region Offenbach wie folgt dar: Standortvorteile Standortrisiken Wirtschaftsstruktur Hohe absolute Wirtschaftskraft (gemessen am Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen) Bestehende Branchenschwerpunkte in Industrie und Handel bringen nur geringe Beschäfti- gungsimpulse Hoher Anteil wissensintensiver Dienstleistungen Relativ geringe Produktivität des Verarbeitenden Gewerbes in der Stadt Offenbach Hohe Gründungsintensität, insbesondere im High-Tech-Bereich Arbeitskräfte/Innovationskraft Hoher Anteil an jungen Menschen bzw. Perso- nen im erwerbsfähigen Alter Hoher Anteil von Personen ohne abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung Nähe zu zahlreichen Hochschulen, Forschungs- instituten sowie Aus- und Weiterbildungsein- richtungen Defizite beim schulischen Lernen, z. B. unter- durchschnittliche Lesekompetenz von Grund- schülern im bundesweiten Vergleich Hochschule für Gestaltung als Alleinstellungs- merkmal Relativ hohe Personalkosten Keine flächendeckende nachfragegerechte Ver- sorgung mit ganztägigen Kinderbetreuungsein- richtungen (U3 und Schulkinder) Lage und Verkehrsanbindung Zentrale Lage innerhalb Deutschlands und Europas Hohe Verkehrsbelastung Insgesamt gute Verkehrsanbindung der Stadt Offenbach und Teilen des Landkreises Keine schnelle Schienenverbindung aus dem Landkreis zum Flughafen Frankfurt am Main Nähe zum Flughafen Frankfurt am Main Gewerbeflächen/Immobilien Im regionalen Vergleich relativ günstige Büro- und Gewerbeimmobilienpreise Kein professionelles Flächenmanagement Gutes Flächenangebot, auch für industrielle Nutzungen Hohe Kosten für Revitalisierung von Flächen 1. Standortvorteile Standortrisiken Wohn- und Lebensqualität Innerhalb der Metropolregion Frankfurt/Rhein- Main vergleichsweise preiswertes Wohnungs- angebot Belastung durch Fluglärm Gutes kulturelles Angebot in Offenbach und der näheren Umgebung Problematische Sozialstruktur in Teilen des IHK-Bezirks Attraktive Freizeitangebote in der Rhein-Main- Region (z. B. Mittelgebirge, Mainufer) Teilweise wenig attraktives Wohnumfeld in Stadt und Landkreis Innenstadtentwicklung Hohe Kaufkraft in Teilen des Landkreises Geringe Kaufkraft in den Städten Offenbach und Dietzenbach BID-Initiative (Karree-Offenbach) zur Aufwer- tung der Offenbacher Innenstadt Kein klares Profil in den meisten Städten des Landkreises Unzureichende Aufenthaltsqualität Fehlendes urbanes Flair in der Stadt Offenbach Standortmarketing/Wirtschaftsförderung Gute Marketing- und Wirtschaftsförderungsak- tivitäten in einigen Städten Schlechtes Image der Stadt Offenbach Kein klares Profil des Landkreises Teilweise geringe Identifizierung der Bevölke- rung mit der Region und den politischen Institutionen Offenbach punktet auch mit seinem kulturellen Angebot und attraktiven Freizeit- möglichkeiten. 20 Fotos: IH K Offen bach am M ain Zukunftsperspektiven für den Wirtschaftsstandort Region Offenbach 21 Worst Case-Szenario: Der IHK-Bezirk Offenbach im Jahr 2030 - wenn nichts getan wird Wie könnte der IHK-Bezirk Offenbach – theoretisch – im Jahr 2030 aussehen, wenn, unter Berücksichtigung der globalen Rahmenbedingungen, die lokalen Rahmenbedingungen nicht verbessert werden oder sich sogar nachteilig entwickeln? Was passiert, wenn die im statis- tischen Teil festgestellten negativen Entwicklungen bei den Kennzahlen bis zum Jahr 2030 fortgeschrieben werden? Dann könnte die Situation im Jahr 2030 wie folgt aussehen: Wachstumsdisparitäten nehmen zu Das Bruttoinlandsprodukt ist im Landkreis Offenbach seit 2011 weiterhin kontinuierlich gestie- gen und liegt im Jahr 2030 sehr weit über dem Bundesdurchschnitt. In der Stadt Offenbach sank dagegen das Bruttoinlandsprodukt, so dass die Schere zwischen Stadt und Kreis weiter auseinan- dergegangen ist. Ein wesentlicher Grund für die zunehmenden Wachstumsunterschiede ist, dass es der Stadt Offenbach nicht gelungen ist, den Strukturwandel aktiv zu gestalten. So fehlt noch immer ein ganzheitliches Entwicklungskonzept für die verfügbaren Flächen, weshalb die Potenziale nicht ausgeschöpft werden konnten. Auch gelang es nicht, die Stadt als eigenständigen Bürostandort zu etablieren. Die erhofften Impulse für den Arbeitsmarkt und das Image der Stadt aus einer positiven Entwicklung der Kreativwirtschaft sind ausgeblieben. Zwar hat im Landkreis Offenbach die Verkehrswirtschaft ihre starke Bedeutung behalten. Auch die wirtschaftliche Bedeutung der wissensintensiven Dienstleistungen, welche ebenfalls von der guten Verkehrsinfrastruktur im Kreis profitieren, ist weiterhin stark gewachsen. Gleichwohl gelang es Stadt und Kreis nicht, die Region Offenbach gemeinsam als „Vertriebszentrum Deutschlands“ zu positionieren. Daher konnten keine neuen Handelsunternehmen für die Region gewonnen und ein- zelne international agierende Unternehmen nicht am Standort gehalten werden. Überhaupt mangelt es weiterhin an einer gemeinsamen, strategisch ausgerichteten Vermarktung der Gesamtregion. Daher konnten auch weder Unternehmen anderer Branchen angesiedelt, noch wohnungssuchenden Menschen die Standortvorzüge der Region Offenbach überzeugend dargestellt werden. 2. 400.000 350.000 300.000 250.000 200.000 150.000 100.000 50.000 0 2008 2030 Stadt Offenbach 2008 2030 LK Offenbach Bevölkerungsprognose 2008 - 2030 unter 20 Jahre 20 - 65 Jahre über 65 Jahre 22 Bevölkerungs- und Beschäftigungsrückgang in der Region Offenbach Die überdurchschnittliche Geburtenrate und der vergleichsweise geringe Anteil alter Menschen in der Stadt Offenbach führten dazu, dass die natürliche Bevölkerungsentwicklung wesentlich günstiger verlief als im hessischen Durchschnitt. Aufgrund des schlechten Images der Stadt und der ungünsti- gen wirtschaftlichen Entwicklung war jedoch keine positive Nettozuwanderung zu verzeichnen. Dies führte dazu, dass die Einwohnerzahl stagnierte. Im Landkreis Offenbach ging die Einwohnerzahl insgesamt zurück. Gleichzeitig stieg die Zahl der Menschen, die 65 Jahre und älter sind, bis zum Jahr 2030 um über 22.000 an (Abbildung 16). Die Beschäftigungsentwicklung verlief insgesamt ungünstiger als im Bundesdurchschnitt. Insbe- sondere im Verarbeitenden Gewerbe wurden in der Region Offenbach weiter in erheblichem Maße Arbeitsplätze abgebaut. Viele kleine, inhabergeführte Unternehmen gaben ihre Geschäftstätigkeit auf, vor allem aufgrund des zu hohen Wettbewerbsdrucks oder fehlender Nachfolger. Der bereits im Jahr 2011 bemerkbare Mangel an Fachkräften hat sich nicht nur bei den wissensin- tensiven Dienstleistern, sondern auch in der mittelständischen Industrie sowie im Handwerk massiv verstärkt. Dabei verfügt die Region über einen im Bundesvergleich weit überdurchschnittlichen Anteil an Personen im erwerbsfähigen Alter, die zu großen Teilen jedoch nicht die für die Unternehmen erforderlichen Qualifikationen mitbringen. Die bestehenden Qualifizierungsangebote für Erwerbsper- sonen ohne abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung sowie solche für Personen mit Migrations- hintergrund wurden nicht ausreichend genutzt. Dies führte dazu, dass trotz Arbeitskräftemangels in der Stadt Offenbach die Arbeitslosenquote weit über dem Durchschnitt liegt und auch im Landkreis Offenbach die Arbeitsmarktsituation deutlich ungünstiger als im Bundesdurchschnitt verlief. Abbildung 16 Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt, Basisszenario, Basisjahr 2008 Zukunftsperspektiven für den Wirtschaftsstandort Region Offenbach 23 Soziale Brennpunkte sind entstanden. Die räumliche Ballung der sozialen Schichten in der Stadt Offenbach nahm weiter zu. Zudem zogen vor allem Menschen mit geringem Einkommen in die Stadt, für die möglichst preiswerter, zentral gelegener Wohnraum innerhalb des Ballungsraums als Kriterium für die Wohnortwahl ausschlaggebend war. Versuche mit einem hochwertigen Woh- nungsangebot die erwerbstätige Mittelschicht in die Stadt zu holen scheiterten. Auch in einigen Kommunen im Landkreis Offenbach haben sich die sozialen Schieflagen verstärkt. Belebung der Innenstädte war nur ein Strohfeuer Die Entwicklung für den innerstädtischen Einzelhandel und die Gastronomie verlief insgesamt nicht befriedigend. Die Negativentwicklung in der Offenbacher Innenstadt konnte nicht gestoppt werden. Die begonnenen vielfältigen öffentlichen und privaten Initiativen zur Stärkung der Offen- bacher Innenstadt, wie zum Beispiel die BID-Initiative Karree-Offenbach, waren nicht nachhaltig. In den Mittelzentren des Landkreises führten der gestiegene Wettbewerbsdruck, Änderungen im Einkaufsverhalten der Bevölkerung und nicht zuletzt die fehlenden Nachfolger bei der altersbeding- ten Aufgabe der Geschäfte zu einem verringerten Einzelhandelsangebot. In der Vergangenheit war es in vielen Mittelzentren auch nicht gelungen, durch ein attraktives gastronomisches Angebot und eine Erhöhung der Aufenthaltsqualität die Innenstädte aufzuwerten. Im ländlichen Raum des IHK- Bezirks hat sich vor dem Hintergrund der Alterung der Bevölkerung die Nahversorgungssituation verschlechtert. Verkehrsdichte und Verkehrsstaus nehmen zu Als Problem für die Menschen im IHK-Bezirk Offenbach hat sich die zunehmende Verkehrsdichte im Straßenverkehr herausgestellt. Weil in den letzten Jahrzehnten viele wichtige Straßenbaupro- jekte nicht realisiert wurden, haben sich die Stauhäufigkeit und die Staudauer auf den Straßen der Metropolregion weiter erhöht, mit erheblichen negativen Auswirkungen auf Wirtschaft und Umwelt. Darunter leidet auch die Wohnortqualität des IHK-Bezirks für die zahlreichen Berufspend- ler der Region. Best Case-Szenario: Der IHK-Bezirk Offenbach im Jahr 2030 – wenn jetzt gehandelt würde Wie sähe der Wirtschaftsstandort Region Offenbach im Jahr 2030 im Optimalfall aus, wenn jetzt zügig und entschlossen gehandelt würde, wenn jede Kommune für sich und alle Kommu- nen im IHK-Bezirk gemeinsam die Stärken des Standorts stärken und die heutigen Standortrisi- ken beseitigen würden? Dann sähe der IHK-Bezirk Offenbach im Jahr 2030 so aus: Überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum in der Region Offenbach In den Jahren 2011 bis 2030 war bundesweit nur ein mäßiges Wirtschaftswachstum zu verzeich- nen. Der Landkreis Offenbach entwickelte sich jedoch deutlich günstiger als der Bundesdurchschnitt und auch in der Stadt Offenbach hat sich der Abstand zum Bundestrend gegenüber dem Jahr 2011 deutlich verringert. Standortattraktivität gestiegen In der Region Offenbach wurden im Verarbeitenden Gewerbe zwar weiter Arbeitsplätze abgebaut. Der Arbeitsplatzabbau fiel aber deutlich geringer aus als noch im Jahr 2011 befürchtet. Zum einen konnten international agierende Unternehmen am Standort gehalten werden, zum anderen entwickel- ten sich die mittelständischen Produzenten von hochtechnologischen Produkten überdurchschnittlich. Positiv wirkte sich aus, dass prosperierenden Unternehmen bei notwendigen Erweiterungen durch ein gut abgestimmtes Flächenmanagement und eine wesentlich verbesserte kommunale Zusammenarbeit geeignete Flächen innerhalb der Region zur Verfügung gestellt werden konnten. Wie die Standortum- frage der IHK Offenbach am Main im Jahr 2029 gezeigt hat, werden als wesentlicher Standortvorteil von den Industrieunternehmen die umfassenden Aktivitäten der Bestandspflege durch Wirtschaftsför- derungen und IHK gesehen. Dies hat die Standortzufriedenheit wesentlich erhöht. Bürostandort Offenbach Besonders gut verlief die Entwicklung in Offenbach-Kaiserlei. Inzwischen ist der Standort Sitz zahlreicher internationaler Handels- und Dienstleistungsunternehmen. Insgesamt hat sich die Stadt Offenbach von der Immobilienentwicklung in Frankfurt abgekoppelt und als eigenständiger Büro- standort etabliert. Einzigartiger Standort für industrienahe, wissensintensive Dienstleistungen In der Stadt Offenbach ist es zunehmend gelungen, die ehemaligen Industrieflächen wieder einer Nutzung zuzuführen. Dabei wurden ehemalige Industriebrachen in trendige, die Industriekultur berück- sichtigende Gewerbeobjekte umgewidmet. Die vorhandene Industriekultur und die modernen Gewerbe- objekte werden heute von den industrienahen und wissensintensiven Dienstleistern ebenso geschätzt wie die unmittelbare Nähe zur Industrie in der Rhein-Main- und der Rhein-Neckar-Region, zum Finanz- platz Frankfurt, zum Flughafen und zu den vielfältigen wissenschaftlichen Einrichtungen in der Region. Dieses Zusammenspiel machte den Standort Offenbach für industrienahe, wissensintensive Dienstleis- tungen einzigartig in Deutschland und Europa und zog nach und nach neue Unternehmen an. Daher wuchs die Zahl der Unternehmen und Beschäftigten bei den wissensintensiven Dienstleistungen. 3. 24 Zukunftsperspektiven für den Wirtschaftsstandort Region Offenbach Dienstleistungsexporte aus der Region sind Wachstumstreiber Auch im Landkreis Offenbach waren die wissensintensiven Dienstleister der Wachstumstreiber. Hier wirkten sich unter anderem auch die stärkere Fokussierung der Wirtschaftsförderung auf die- sen Bereich und das verbesserte Standortmarketing günstig aus. Die bisher außerhalb der Region Offenbach wenig bekannte hohe Dichte an High-Tech-Unternehmen hat sich inzwischen nicht nur bundesweit, sondern auch international herumgesprochen. Hierzu haben auch gezielte Auftritte der FrankfurtRheinMain GmbH einen wichtigen Beitrag geleistet. Der Anteil der Dienstleistungsexporte hat deutlich zugenommen. Die verbesserte Verkehrsanbindung des Landkreises Offenbach an den Flughafen durch den Bau der Regionaltangente West erleichtert Dienstleistungsexporte und hat dadurch die Standortvorteile für die wissensintensiven Dienstleistungen wesentlich gestärkt. Gute Positionierung des Vertriebsstandortes Offenbach Zwar haben Anpassungsprozesse in den Vertriebsstrukturen der Unternehmen dazu geführt, dass die gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Großhandels insgesamt zurückgegangen ist. In der Region Offenbach hat sich dies jedoch nicht negativ auf die Beschäftigung ausgewirkt. Durch die gezielte Positionierung des Standortes als den Vertriebsstandort Deutschlands und die sehr viel stärkere Hervorhebung namhafter Handelsunternehmen im Standortmarketing gelang es, neue Unterneh- men, speziell aus dem asiatischen Raum, nach Offenbach zu holen. Inzwischen sind hier japanische und koreanische Unternehmen ebenso vertreten wie chinesische und indische. Produktdesign und Kommunikationsdesign als Markenzeichen in Offenbach Positiv entwickelt hat sich auch die Kreativwirtschaft in Offenbach. Dies gelang unter anderem durch eine klare Profilierung dieses sehr heterogenen Wirtschaftszweiges. Durch eine klare Aus- richtung auf die Schwerpunkte „Produktdesign“ und „Kommunikationsdesign“ der Hochschule für Gestaltung konnte die Außenwahrnehmung verstärkt werden und eine Abgrenzung zur Frankfurter Kreativwirtschaft erfolgen. Inzwischen hat sich in Offenbach eine kreative Szene herausgebildet, was auch durch das Entstehen von Szenelokalen, beispielsweise im Hafenareal, verstärkt wurde. Offenbach ist auch abends ein Anziehungspunkt für Kreative aus der Metropolregion Frankfurt/ Rhein-Main. Kreatives Milieu als Imagefaktor der Stadt Das Entstehen eines kreativen Milieus hat wesentlich zu einer Verbesserung des Images der Stadt Offenbach geführt. Wenn auch die Beschäftigungseffekte in der Kreativwirtschaft nach wie vor gering sind, so hat die Imageaufwertung dazu geführt, dass zunehmend junge, höher qualifi- zierte Erwerbstätige sowie Studierende aus Frankfurt nach Offenbach zogen, was sich insgesamt positiv auf die Sozialstruktur der Stadt ausgewirkt hat. Kaufkraft liegt in allen Kommunen des IHK-Bezirks über dem Bundesdurchschnitt Mit der Umsetzung eines Regionalplanes „Wohnen“, einem aktiven Quartiersmanagement sowie der städtebaulichen Aufwertung einzelner Stadtteile konnte dem Problem der sozialen Segregation erfolgreich entgegengewirkt werden. Zwar ist der Anteil der Arbeitslosen und Bezieher von SGB II 25 in der Stadt Offenbach nach wie vor überdurchschnittlich, insgesamt liegt die Kaufkraft je Einwohner aber wieder deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Bildungs- und Betreuungsmaßnahmen haben die Erwerbstätigenquote erhöht Besonders erfolgreich waren die Bemühungen, junge Menschen aus bildungsfernen Schichten sowie mit Migrationshintergrund besser als bisher in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt zu inte- grieren. Dazu haben Förderprogramme in der frühkindlichen Erziehung sowie das Betreuungsangebot in Kindergärten und Schulen wesentlich beigetragen. Der Anteil derjenigen ohne Schulabschluss oder ohne abgeschlossene Berufsausbildung ist in der Region Offenbach zurückgegangen. Dies war eine Folge der intensiven Anstrengungen zur Verbesserung der schulischen Angebote, welche die Ausbildungsreife der Schulabgänger nachhaltig erhöhten. Zu den erfolgreichen Maßnahmen zählte auch die Stärkung der Berufsorientierung der Schulen durch das Netzwerk Schule-Wirtschaft. Gleich- zeitig stieg durch das ausgebaute Betreuungsangebot auch die Frauenerwerbsquote. Das Bündel an Maßnahmen hat dazu beigetragen, dass der Fachkräftemangel deutlich entschärft wurde. Positive Bevölkerungsentwicklung Die Bevölkerungsentwicklung verlief insgesamt günstig (Abbildung 17). Die Stadt Offenbach konnte Bevölkerungszuwächse verzeichnen und auch der Landkreis Offenbach blieb, bezogen auf die Einwohnerzahl, in etwa auf dem Niveau des Jahres 2010. Dies war neben einzelnen attraktiven Wohnbauprojekten auch einer strategisch ausgerichteten Vermarktung der Standorte zu verdanken. Nicht nur Dreieich, Heusenstamm und Neu-Isenburg konnten Zuwächse verzeichnen, sondern insbesondere auch Rodgau und Rödermark. Insgesamt profitierte der Landkreis von einer eindeutigen Profilierung als Wohn- und Wirtschaftsstandort. Günstig auf die Wohnortqualität wirkten sich auch das generelle Nachtflugverbot auf dem Flughafen Frankfurt sowie die aktiven Schallschutzmaßnah- men aus. Abbildung 17 Quelle: Hessen Agentur, Basisjahr 2009 26 400.000 350.000 300.000 250.000 200.000 150.000 100.000 50.000 0 Bevölkerungsprognose 2009 - 2030 unter 20 Jahre 20 - 40 Jahre 40 - 60 Jahre 60 - 80 Jahre 80 Jahre & älter 2008 2030 Stadt Offenbach 2008 2030 LK Offenbach Zukunftsperspektiven für den Wirtschaftsstandort Region Offenbach Verbesserter Verkehrsfluss trotz gestiegenen Verkehrsaufkommens Das Verkehrsaufkommen auf den Straßen hat sich gegenüber dem Jahr 2011 weiter erhöht. Weil aber notwendige Straßenbauprojekte frühzeitig geplant und realisiert wurden, hat sich der Verkehrsfluss in der Region deutlich verbessert. Die Stauzeiten im morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr haben sich in der Region Offenbach spürbar verringert. Entlastend hat sich dabei auch der bedarfsgerechte Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs ausgewirkt. Flugplatz Egelsbach inzwischen wichtiger Standortfaktor in der Region Von der verbesserten Verkehrsinfrastruktur profitiert auch die Verkehrswirtschaft, die nach wie vor eine der Schlüsselbranchen in der Region Offenbach ist. Damit einhergehend hat die Bedeutung des Flugplatzes Egelsbach für die Geschäftsfliegerei deutlich zugenommen, nicht zuletzt dank der Realisierung eines Instrumentenlandesystems. Davon profitiert nicht nur Egelsbach, sondern die gesamte Wirtschaft in der Region. Aufwertung der Offenbacher Innenstadt und der Mittelzentren im Landkreis Die Entwicklung für den innerstädtischen Einzelhandel und die Gastronomie verlief insgesamt befriedigend. Die Offenbacher Innenstadt profitierte vom Einkaufszentrum KOMM sowie der BID- Initiative. Positiv wirkte sich auch die Tatsache aus, dass wieder kaufkräftigere Einwohnergruppen nach Offenbach zogen. In den Mittelzentren des Landkreises führten zwar der hohe Wettbewerbsdruck, Änderungen im Einkaufsverhalten der Bevölkerung und nicht zuletzt fehlende Nachfolger bei der altersbedingten Aufgabe der Geschäfte zu einem verringerten Einzelhandelsangebot. Durch vielfältige, gut aufein- ander abgestimmte Aktivitäten zwischen den Städten und privaten Initiativen sind die Mittelzent- ren aber attraktiv geblieben. Dazu hat auch das stete Bemühen um eine hohe Aufenthaltsqualität sowie ein vielfältiges gastronomisches und kulturelles Angebot beigetragen. In einzelnen ländlichen Teilen der Region Offenbach ist zwar die Nahversorgungssituation nicht unproblematisch, ein großer Teil der heutigen Senioren bestellt jedoch inzwischen Waren des täglichen Bedarfs über das Internet, was durch die flächendeckende Versorgung mit Highspeed- Internetanschlüssen problemlos möglich ist. 27 28 Was getan werden sollte Im Best Case-Szenario mag vieles visionär klingen. Aber es ist durchaus kein phantastisches, unrealistisches Szenario. Der Optimalfall kann in erreichbare Nähe rücken, wenn zeitnah alle kommunal-, wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Akteure gemeinsam mit den Unterneh- men entschlossen handeln. Doch was müsste getan werden? Aus der Sicht der Wirtschaft müs- sen folgende Maßnahmen ergriffen werden4: Wirtschaftsförderung ÂÂ Wirtschaftsförderung als Gesamtaufgabe einer Kommune begreifen Eine hohe Wirtschaftskraft der Gewerbetreibenden ist für eine positive Entwicklung der Kommu- nen unverzichtbar. Die Organisation des gesamten Verwaltungshandelns im Sinne einer „wirtschafts- freundlichen Kommune“ liegt daher im unmittelbaren Interesse der kommunalen Entscheidungsträger und der Bevölkerung. ÂÂ Leistungsfähige Verwaltungseinheit „Wirtschaftsförderung“ gewährleisten In allen Kommunen sollte eine leistungsfähige Verwaltungseinheit „Wirtschaftsförderung“ arbei- ten, die mit ausreichenden personellen und finanziellen Ressourcen ausgestattet ist. ÂÂ Wirtschaftsförderung als „One-Stop-Agency“ organisieren Die Wirtschaftsförderung in den Kommunen und dem Landkreis sollte so organisiert sein, dass sie als Behördenlotse für die Wirtschaft tätig sein kann. Es sind somit die organisatorischen Vorausset- zungen für eine „One-Stop-Agency“ zu schaffen. ÂÂ Strategisch ausgerichtetes, konsistentes Wirtschaftsförderungskonzept entwickeln Grundvoraussetzung für das Handeln der kommunalen Wirtschaftsförderung müssen strategisch ausgerichtete, konsistente Wirtschaftsförderungsstrategien sein, aus denen sich konkrete Handlungs- maßnahmen sowie ein Kommunikationskonzept ableiten lassen. ÂÂ Bestandspflege der Unternehmen als Kernaufgabe begreifen Kern der kommunalen Wirtschaftsförderung ist die intensive Pflege der bestehenden Unterneh- men am Standort. Dabei müssen die besonderen Interessen des Handels und der Gastronomie ebenso berücksichtigt werden wie etwa die der Industrie, der wissensintensiven Dienstleistungen und der Kreativwirtschaft. Hierfür sollten Konzepte und Maßnahmen entwickelt werden. 4. 4 Vgl. IHK Offenbach am Main (Hrsg.): Stand- punkte zur Kommunalwahl 2011 – Erwartungen und Fragen der Wirtschaft an die Kommunalpoli- tik in der Region Offenbach. „Eine erfolgreiche Wirtschaftsförderung ist ein doppelter Gewinn: die Kommune unterstützt den geschäftlichen Erfolg der Unternehmen und profitiert ihrerseits durch Beschäfti- gungszuwachs, Steuermehreinnahmen und die Attraktivitäts- steigerung des Standortes. Für unser Unternehmen war die Unterstützung durch die Stadt Dietzenbach sehr wichtig.“ Thomas Dreyer, Geschäftsführer, Cavotec Fladung GmbH Zukunftsperspektiven für den Wirtschaftsstandort Region Offenbach 29 ÂÂ Professionelles Flächenmanagement entwickeln Das Gewerbeflächenmanagement ist weiter zu verbessern. Aufbauend auf den Wirtschaftsförde- rungskonzepten müssen Strategien für die aktuellen und zukünftigen Flächenangebote entwickelt werden. Bei der Planung von Wohn- und Gewerbeflächen sind mögliche Wechselwirkungen zwi- schen den verschiedenen Nutzungsarten ausreichend zu berücksichtigen. Dies ist auch ein wesentli- cher Beitrag zur Sicherung des Industriestandortes. Standortmarketing ÂÂ Imagekampagne starten Der zentrale Standortnachteil in der Region ist das schlechte Image der Stadt Offenbach und das nicht vorhandene Profil des Landkreises. Daher muss es vorrangige Aufgabe des Standortmarketings sein, eine klare regionale Identität auf der Grundlage der Standortvorteile zu definieren und offen- siv nach außen zu tragen. ÂÂ Wirtschaftsstandort profilieren Als Ansatzpunkte für die Profilierung des Standortes im Rahmen der Imagekampagne bieten sich die zukunftsfähigen Schwerpunkte der Region Offenbach „Vertrieb“, „Kreativwirtschaft“ und „wis- sensintensive Dienstleistungen“ an. „Für international tätige Unternehmen wie unseres bietet der Standort Offenbach gute Voraussetzungen. Diese Chance gilt es zukünftig noch stär- ker zu nutzen.“ Olaf Hoffmann, Geschäftsführer, Dorsch Holding GmbH „Das Engagement einer Kommune für Unternehmen ist für Standortentschei- dungen heute wichtiger als beispielsweise der Gewerbesteuer-Hebesatz.“ Günter Althaus, Vorstandsvorsitzender, Ariston-Nord-West-Ring (ANWR) 30 ÂÂ Eigenständige Einbindung der Region Offenbach in die Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main stärken Die Stadt Offenbach, der Landkreis Offenbach, die kreisangehörigen Kommunen sowie die IHK Offenbach am Main bringen sich in unterschiedlicher Weise in die jeweiligen Institutionen der Wirt- schaftsförderung und Standortentwicklung auf übergeordneter Ebene ein, beispielsweise bei der FRM GmbH – International Marketing of the Region, der Wirtschaftsförderung Frankfurt/Rhein-Main e.V., dem Regionalverband Rhein-Main oder dem IHK-Forum Rhein-Main. Diese regionale Zusammenar- beit gilt es weiter zu verbessern. Dazu gehört aber auch, der besonderen, eigenständigen Bedeutung der Region Offenbach als Wohn- und Wirtschaftsstandort stärkere Beachtung zu schenken als bisher. ÂÂ Unternehmen als Botschafter für die Region Offenbach gewinnen Im IHK-Bezirk Offenbach haben zahlreiche Unternehmen ihren Sitz, die sich unter anderem durch ihre hohe Innovationskraft, ihre hohe Effizienz beim Verbrauch knapper Ressourcen oder auch ihr soziales Engagement besonders auszeichnen. Diese Unternehmen müssen als Botschafter für die Region gewonnen werden. Infrastruktur ÂÂ Mobilität sicherstellen Die Verkehrsinfrastruktur muss bedarfsgerecht ausgebaut werden. Engpässe sollten, wenn mög- lich, beseitigt werden. Die wichtigsten Maßnahmen sind: Straße: • Ausbau der A 3 zwischen Hanau und Offenbach auf acht Fahrstreifen. • Bau einer durchgehenden Verbindung zwischen A 66 Ost und West (Riederwald-, Alleentunnel). • Neubau der Anschlussstelle Dreieich-Dreieichenhain und Erhöhung der Leistungsfähig- keit des Straßennetzes zwischen Offenbach und Bad Homburger Kreuz. „Gerade für uns Kreative bietet die Stadt Offenbach eine hochinteressante Atmosphäre. Dies sollte noch viel intensiver nach außen kommuniziert werden.“ Knut Hartmann, Geschäftsführender Gesellschafter, kh design gmbh „Eine gute Verkehrsinfrastruktur ist für mein Unternehmen existenziell notwendig. Staus bringen die komplexen Logistikketten durcheinander und kosten uns und unsere Kunden Zeit und Geld.“ Jochen Maul, Bereichsleiter, Geis Industrie-Service GmbH Zukunftsperspektiven für den Wirtschaftsstandort Region Offenbach 31 Schiene: • Ausbau des Bahnhofs Offenbach-Ost als Verknüpfung der S-Bahn mit dem Regional- und Fernverkehr. • Bau der Regionaltangente West mit einer umsteigfreien Verknüpfung mit der Dreieich- bahn im Bahnhof Buchschlag. Luft: • Stärkung des Flugplatzes Egelsbach in seiner Funktion für die Geschäftsfliegerei. Pla- nung und Realisierung eines Instrumentenlandesystems. ÂÂ Lebensqualität erhöhen Verkehr verursacht Lärm und Luftverunreinigungen. Daher sind Maßnahmen zur Lärmreduzie- rung und Luftreinhaltung unverzichtbar. Wie alle Umweltmaßnahmen müssen sie jedoch grund- sätzlich wirkungsvoll sein und effizient gestaltet werden. Zudem müssen sie mit anderen Anfor- derungen abgewogen werden. Die Einrichtung einer Umweltzone in Offenbach beispielsweise ist daher kritisch zu sehen, da den zu erwartenden geringen Umweltwirkungen erhebliche Kosten für Unternehmen und Bürger gegenüberstehen. Die Bevölkerung ist durch ein Nachtflugverbot sowie Maßnahmen des aktiven Schallschutzes bestmöglich vor Fluglärm zu schützen. Außerdem ist das An- und Abflug-System der Deutschen Flugsicherung (DFS) am Frankfurter Flughafen unter Berücksichtigung der Sicherung einer höchst- möglichen Lebensqualität in der Region zu optimieren. „Als großes Instandsetzungsunternehmen der deutschen Luftfahrt ist unser Geschäftserfolg und damit auch die Zahl unserer Mitarbeiter unmittelbar vom Flugplatz Egelsbach abhängig. Nur wenn der Flugplatz gestärkt wird, hat auch unser Unternehmen die Möglichkeit sich weiterzuentwickeln.“ Heiko Kober, Geschäftsführer, Röder-Präzision GmbH ÂÂ Breitbandnetz ausbauen Die Breitbandinfrastruktur und damit der Datenverkehr hat für Unternehmen und Bürger inzwi- schen eine ähnlich hohe Bedeutung wie die Telekommunikation. Der Bedarf an schnellen Verbindun- gen wird auch in Zukunft rasant steigen. Hierbei kommt dem Ausbau des Glasfasernetzes eine große Bedeutung zu. Im Rahmen der Planung neuer Wohn- und Gewerbegebiete und bei der Vermarktung bestehender Flächen muss auf kommunaler Ebene die Breitbandanbindung berücksichtigt werden. Die Kommunen müssen einen Überblick über die jeweiligen Bedarfe haben. Diese sind – sofern noch nicht geschehen – zügig zu evaluieren. Bei festgestellten Defiziten sind Lösungsansätze zu entwi- ckeln und zu realisieren. Dabei sollte der Wirtschaftsförderer des Kreises als „Breitbandkoordinator“ fungieren. Stadtentwicklung ÂÂ Masterplan „Stadtentwicklung“ erstellen Die Stadt Offenbach bietet vielfältige Entwicklungspotenziale. Das Kaiserlei, der Hafen oder das ehemalige Alessa-Gelände sind nur einige der Flächen, die für eine gewerbliche Entwicklung infrage kommen. Auch als Wohnstandort hat Offenbach noch nicht sein Potenzial ausgeschöpft. Als über- greifende Strategie sollte ein Masterplan „Stadtentwicklung Offenbach“ erstellt werden. Dieser bietet die Chance, die einzelnen Entwicklungspotenziale in einen imagebildenden Gesamtkontext zu stellen. Ansatzpunkte hierfür sind zum Beispiel die Themen Kreativwirtschaft und Wohnen. Berücksichtigt werden sollten dabei insbesondere auch Aspekte wie die Sicherstellung bezahlbaren Wohnraums, ein ausreichendes Angebot an altersgerechten Wohnungen sowie die Vermeidung sozialer und ethischer Segregation. Die zu entwickelnde Vision für Offenbach ist ein Rahmen für die Planung von Einzelpro- jekten. Mindestens genauso wichtig ist die Imagewirkung eines solchen Masterplans auf potenzielle Investoren und Unternehmen sowie auf die Menschen, die einen neuen Wohnstandort suchen. „Wenn die Bundesregierung von Breitband spricht, meint sie in der Regel 1 Megabit. Doch das ist in der Praxis längst überholt. In Anbetracht der Datenmengen, die Unternehmen benötigen, sprechen wir heute von 50-100 Megabit – und der Bedarf wächst schneller als der Netzausbau vonstattengeht.“ Peter Horn, Geschäftsführer, Systemhaus Horn 32 Zukunftsperspektiven für den Wirtschaftsstandort Region Offenbach ÂÂ Attraktiven Wohnraum für die Mittelschicht schaffen Um in stärkerem Maße als bisher Einwohner mit höherer Kaufkraft an die Stadt Offenbach zu binden, bedarf es attraktiver Wohnraumangebote. Dabei bietet sich insbesondere die jüngere, berufstätige Mittelschicht als Zielgruppe für entsprechende Wohnungsangebote etwa auf dem Offenbacher Hafen-Areal an. ÂÂ Innenstädte stärken Die Stärkung der Innenstädte sollte von Politik und Verwaltung als eine vorrangige, ressort- übergreifende Aufgabe verstanden werden. Entsprechende Strategien und Konzepte für die Innen- stadtentwicklung sind, sofern noch nicht geschehen, zu entwickeln und umzusetzen. Dabei ist der Schwerpunkt der Aktivitäten nicht nur auf die Stärkung des Einzelhandels und der Gastronomie zu legen, sondern auch weitere Nutzungen in den Bereichen personenbezogene Dienstleistungen, Kul- tur, Freizeit und Wohnen sind zu berücksichtigen. ÂÂ Einzelhandelszufriedenheit der Bevölkerung hat Vorrang vor Kaufkraftbindung Bei der Planung von Projekten des großflächigen Einzelhandels außerhalb der Innenstädte soll- ten die Kommunen die Auswirkungen auf die eigene Innenstadt und die umliegenden Innenstädte möglichst minimieren. Nicht die Bindung der örtlichen Kaufkraft darf bei der Neuentwicklung von Einzelhandelsprojekten im Vordergrund stehen, sondern die nachhaltige Sicherung eines attraktiven innerstädtischen Einzelhandels sowie die Gewährleistung der Nahversorgung der Bevölkerung. „Software-Entwickler sind das Herzstück unse- res Unternehmens. Um diese für uns zu gewin- nen und sie an das Unternehmen zu binden, brauchen wir auch ein familienfreundliches Lebensumfeld mit entsprechenden Wohnungs- angeboten.“ Hans Joachim Giegerich, Geschäftsführer, Giegrich&Partner GmbH „Die Konkurrenz der Einzelhandelsstandorte in der Region ist groß. Um die Attraktivität der Offenbacher Innenstadt wei- ter zu steigern, müssen die Stadt und die Privaten an einem Strang ziehen, Mit unseren Projekten ‚Karree Offenbach‘ und ‚Aktive Innenstadt‘ sind wir auf einem guten Weg.“ Stefan Becker, Geschäftsführer, M. Schneider Offenbach GmbH & Co. KG 33 34 ÂÂ Gewerbebrachen konzeptionell vermarkten Insbesondere in der Stadt Offenbach, aber auch in einigen Kommunen des Landkreises sind als Folge des wirtschaftlichen Strukturwandels Gewerbebrachen entstanden. Dazu zählen zum Beispiel das ehemalige Allessa-Gelände und das manroland-Südwerk in der Stadt Offenbach oder das Ymos- Gelände in Obertshausen. Diese freien Flächen sind einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Dazu bedarf es, sofern noch nicht geschehen, der Aufstellung eines rechtskräftigen Bebauungsplanes, einer strategischen Entwicklung und konzeptionellen Vermarktung der Flächen. Bevölkerung ÂÂ Region Offenbach als Wohnstandort profilieren Die Region Offenbach sollte sich stärker als bisher als Wohnstandort profilieren. Dazu sind im Rahmen einer Imagekampagne die Vorzüge der Stadt und des Landkreises nach außen zu tragen. ÂÂ Quartiersmanagement optimieren Insbesondere in den sozial schwierigen Bezirken Offenbachs sowie in einzelnen Kommunen des Landkreises, wie etwa in Dietzenbach, ist ein aktives Quartiersmanagement zur Entschärfung sozialer Brennpunkte zu betreiben. ÂÂ Bildungsanstrengungen weiter intensivieren Die wirkungsvollste Maßnahme zur Erleichterung der Integration von Bürgern ausländischer Herkunft oder mit Migrationshintergrund ist die Beherrschung der deutschen Sprache. Vor diesem Hintergrund sind auch zukünftig Deutschkurse wichtiger Bestandteil von Weiterbildungsangeboten in der Region. Es besteht jedoch auch Bedarf an einer qualifizierten Evaluation des Erfolgs der beste- henden Angebote und an der Überprüfung von Möglichkeiten zur Erhöhung der Beteiligungsquote an den bestehenden Angeboten. Investitionen in Bildung sind Investitionen in die Zukunft und nirgendwo ist die Rendite aus Investitionen in Humankapital so hoch wie bei der frühkindlichen Bildung. Allein schon aus diesem Grund ist das Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen auszubauen. Zudem sollte es das Ziel bildungspolitischer Anstrengungen sein, insbesondere bildungsferne Schichten sowie ausländische Familien zu ermuntern, bestehende Angebote zur Kinderbetreuung bereits in der frühkindlichen Phase zu nutzen. Finanzielle Anreize im sozialen Transfersystem, die diesem Ziel entgegenstehen, sind zu beseitigen. „In unserem Unternehmen arbeiten Mitarbeiter aus 30 Nationen zusammen. Die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe bieten dem Unternehmen einen entscheidenden Mehrwert, nicht zuletzt bei unseren weltweiten Kundenkontakten.“ Volkan Sanverdi, Geschäftsführer, Chip One Exchange GmbH & Co.KG Zukunftsperspektiven für den Wirtschaftsstandort Region Offenbach 35 Vor dem Hintergrund des zukünftigen Fachkräftemangels speziell im mathematisch-natur- wissenschaftlichen Bereich sollte bereits im Kindergartenalter das Interesse an den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) geweckt werden. Zugleich sollte aber auch Wert auf eine ganzheitliche Bildung gelegt werden, die ebenso die sprachlichen, musikalischen und motorischen Fähigkeiten stärkt. Auch zukünftig müssen erhebliche Anstrengungen zur Steigerung der Qualität der Schulgebäude und deren Ausstattung unternommen werden mit dem Ziel, eine vielseitige und attraktive Schul- landschaft zu schaffen. Die Berufsorientierung in den Schulen muss gestärkt werden. Vorhandenes Potenzial, gerade bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, gilt es in die Berufsausbildung zu bringen. Dazu ist das Netzwerk Schule-Wirtschaft zu stärken. Im IHK-Bezirk Offenbach am Main muss die Vielfalt an Bildungsangeboten, insbesondere auch im mehrsprachigen Bereich, unterstützt werden. Die Rahmenbedingungen sollten unter Einbezie- hung zukünftiger Anforderungsprofile gemeinsam von allen Akteuren auf Seiten der Bildungsein- richtungen und der Wirtschaft diskutiert werden. „Bildung ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft. Ohne sie können wir im globalen Wettbewerb nicht bestehen.“ Hans Strothoff, Geschäftsführer, Strothoff International School „Gute und interessierte Schulabsolventen sind heute schwer zu finden. Unsere Schulpartnerschaft bietet uns die Möglichkeit, die Schüler für unsere Ausbildungsberufe zu interessieren und gute und geeignete Auszubildende zu finden.“ Axel Steinbeiß, Leiter Ausbildung, KARL MAYER Textilmaschinenfabrik GmbH 36 Datenquellen Fotos Umschlagseiten: IHK Offenbach am M ain Bundesagentur für Arbeit, Nürnberg Gesellschaft für Konsumforschung, Nürnberg HA Hessen Agentur GmbH, Wiesbaden Hessisches Statistisches Landesamt, Wiesbaden IHK Offenbach am Main Stadt Offenbach am Main Statistisches Amt der Europäischen Union (EuroStat), Brüssel Statistisches Bundesamt, Wiesbaden www.deutscher-lernatlas.de DatenquellenV. Impressum Industrie- und Handelskammer Offenbach am Main Frankfurter Str. 90 63067 Offenbach am Main Telefon +49 69 - 8207- 0 Fax +49 69 - 8207-149 E-Mail service@offenabch.ihk.de Internet www.offenbach.ihk.de Verantwortlich: Eva Dude | Hauptgeschäftsführerin Redaktion: Peter Sülzen | IHK Dr. Rainer Behrend | Behrend Institut Layout: Marcus Lippold | IHK Druck: mt druck Walter Thiele GmbH & Co. | Neu-Isenburg Stand: März 2012 Fotos Umschlagseiten: IHK Offenbach am M ain Industrie- und Handelskammer Offenbach am Main Frankfurter Straße 90 63067 Offenbach am Main Tel. 069 8207-0 Fax 069 8207-149 E-Mail service@offenbach.ihk.de Internet www.offenbach.ihk.de IHK – Die erste Adresse www.offenbach.ihk.de
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